Kommissar Byrne stellt BSE als eine seltene Krankheit dar, weil in der EU mit 80 Millionen Rindern "nur" 1500 BSE-Fälle gefunden wurden (http://www.cenjur.de/cenjur/byrne_bseword.pdf). Diese Einschätzung ist aus folgenden Gründen zu beanstanden:
Die von Kommissar Byrne genannten 1500 BSE-Fälle des vergangenen Jahres sind daher nur die Spitze eines Eisberges. Da BSE außerdem für den Menschen tödlich sein kann, darf man dies Rinderkrankheit nicht einfach mit häufigeren, jedoch für den Menschen harmlosen Krankheiten vergleichen. In England wurden immerhin mindestens 1,5 Millionen BSE-infizierte Rinder unerkannt verspeist. (http://www.heynkes.de/herdstat.htm)
Für noch fataler halte ich die Einschätzung des EU-Kommissars für Verbraucherschutz (http://www.cenjur.de/cenjur/byrne_bseword.pdf), die Kommission verfolge mit Hilfe wissenschaftlicher Ausschüsse genauestens sämtliche Entwicklungen der BSE/CJK/Scrapie-Forschung (TSE-Forschung). Schon Anfang 2000 hatte ich darauf hingewiesen, daß kleine Ausschüsse das für die Beurteilung wichtiger BSE-Probleme erforderliche Wissen aus vielen verschiedenen Bereichen von Wirtschaft und Forschung nicht repräsentieren können. (http://www.heynkes.de/import.htm)
Will man wirklich ein einigermaßen vollständiges Bild des BSE-relevanten Wissens erhalten, dann braucht man dafür große, für alle interessierten Fachleute offene und sehr breit interdisziplinäre Konferenzen. Der wissenschaftliche Lenkungsausschuss ist damit hoffnungslos überfordert und der EU-Verbraucherkommissar sollte das wissen.
Außerdem ist der Glaube an die Nachvollziehbarkeit des Standes der Forschung erstaunlich naiv angesichts der Tatsache, daß allein die nur knapp 4000 überwiegend englischsprachige Fachzeitschriften und diese auch erst seit 1964 erfassende Datenbank Medline fast 7900 Artikel aus der TSE-Forschung ausweist. Da es sehr viel mehr biologisch-medizinische Journale gibt und weil es natürlich auch schon vor 1964 eine CJK- und Scrapie-Forschung gab, muß es mehr als 10.000 relevante biomedizinische Artikel zur TSE-Forschung geben. Angesichts dieser Zahl kann es selbstverständlich weltweit keinen einzigen Wissenschaftler geben, der all diese Artikel auch nur einmal flüchtig durchgelesen hat. Ein Arbeitsleben reicht für diese Aufgabe gar nicht aus und die zahllosen Publikationen aus der Agrarforschung und relevanter Industriezweige sind darin noch gar nicht enthalten. Selbst die Tiermedizin wird von dieser Datenbank natürlich nur am Rande erfaßt. Außerdem müßte man jeden dieser Artikel sogar mehrfach lesen und sämtliche darin enthaltenen Informationen in einer einzigen Datenbank und einem gewaltigen Buch zusammenfassen, um die publizierten Daten nach penibler Plausibilitätsprüfung zu nutzbarem Wissen zu verknüpfen. Es versteht sich wohl von selbst, daß dies nur dies nur in breiter interdisziplinärer Kooperation überhaupt möglich wäre.
Aber ausgerechnet für diese äußerst umfangreiche und anspruchsvolle Aufgabe, gibt es weder von der EU, noch von den deutschen und nach meinem Wissen auch nicht von irgendeiner anderen Regierung Geld. Dabei würden bereits die Beschaffungskosten für Photokopien von nur 10.000 Artikeln bei rund 3 Euro pro Artikel mit stolzen 30.000 Euro die Budgets der meisten Institute sprengen und man müßte für das gewissenhafte Lesen und Einordnen schon bei Personalkosten von nur 100 Euro pro Artikel mindestens 1 Million Euro veranschlagen. Tatsächlich existiert daher weltweit keine theoretische TSE-Forschung, obwohl seit vielen Jahrzehnten die theoretische Physik und seit einigen Jahren auch etliche medizinische Fachgesellschaften vormachen, wie es geht.
Eigentlich müßte der zuständige EU-Kommissar doch wissen, daß er in seinem Haushalt nicht einmal einen nennenswerten Bruchteil dieser Summe für eine systematische Erfassung der bereits publizierten Daten bereitstellt und daß man nicht ernsthaft vom wissenschaftlichen Lenkungsausschuß eine derartige Herkulesarbeit erwarten kann. Er sollte sich daher hinsichtlich der Effizienz der europäischen TSE-Forschung und insbesondere bezüglich der wissenschaftlichen Politikberatung nicht ähnlich zufrieden zurücklehnen, wie das viel zu lange die meisten europäischen Staaten im unbegründeten Glauben an ihre BSE-Freiheit taten.
Leider ist die totale Vernachlässigung der dringend erforderlichen theoretischen TSE-Forschung keine Kleinigkeit, sondern sie kostet extrem viel Geld und sogar Menschenleben. Man kann nämlich Foschungsmittel nur dann sinnvoll in neue Experimente stecken, wenn man vor deren Planung genau weiß, welche relevanten Experimente dazu bereits durchgeführt wurden und was deren Ergebnisse tatsächlich bedeuten. Weiß man das nicht, so verliert man zwangsläufig viel Geld durch überflüssige oder falsch angelegte Experimente und wertvolle Zeit durch nicht durchgeführte Experimente. Gerade im Fall von BSE haben Viele verblüfft zur Kenntnis nehmen müssen, daß die TSE-Forschung nach jahrzehntelanger Arbeit kaum eine der politisch wichtigen Fragen beantworten konnte. Immer wieder mußten Wissenschaftler zu Protokoll geben, daß entscheidende Experimente gar nicht, oder miserabel durchgeführt wurden. Meist wurde dies mit einer ehemaligen Blockadehaltung britischer Regierungen oder mit zu geringen Fördermitteln erklärt. Aber in Wirklichkeit hatte man auch häufig in Unkenntnis der wissenschaftlichen Literatur, überhaupt nicht fundierten Aussagen nur scheinbar besser informierter Kollegen geglaubt und deshalb auf eigene Experimente zu wichtigen Fragen verzichtet.
Dieser Mißstand kann durch die im vergangenen Jahr erfolgte gigantische Aufblähung der Fördermittel für die experimentelle TSE-Forschung nicht behoben werden. Ganz im Gegenteil wird die Vervielfachung der Experimente uns noch mehr in einer Informationsflut ertrinken lassen und niemand wird da sein, der die heute schon mehr als 2, in Kürze aber wahrscheinlich 5-10 Artikel pro Tag verarbeiten könnte. Verschärft wird das Problem der Planlosigkeit noch dadurch, daß angelockt durch die plötzlich überreichlich fließenden Gelder auch Gruppen in die TSE-Forschung drängen, die noch über keinerlei Hintergrundwissen über ihre künftige Arbeit verfügen. Der Qualität der Forschung dieser Neulinge kann es kaum förderlich sein, daß sie gesichtertes Wissen nirgendwo nachlesen und Fragen nicht an eine organisierte Gemeinschaft der TSE-Forscher richten können. Selbst die neue deutsche TSE-Forschungsplattform will nämlich ausdrücklich nicht für die Extraktion von Wissen aus der Fülle der Informationen zuständig sein. Und von Internetkonferenzen für eine permanente wissenschaftliche Diskussionen will die übergroße Mehrheit der TSE-Forscher nichts wissen. Man ist zufrieden, wenn die Finanzierung der eigenen Arbeit für einige Jahre gesichert ist. Um die Beantwortung der für die Gesellschaft wichtigen Fragen sollen sich bitte schön Andere kümmern.
Aber was wird aus der Gesellschaft, wenn die zuständigen Politiker diesen eklatanten Mangel nicht einmal bemerken? Und warum kommen Politiker nicht ins Grübeln, wenn sie auf jede Frage von verschiedenen Fachleuten unterschiedliche Antworten erhalten? Wieso versuchen maßgebende Politiker, die Zahl der unterschiedlichen Antworten durch die Befragung von immer kleineren Expertengruppen zu reduzieren? Es müßte doch Jedem einleuchten, daß man stattdessen alle Fachleute bitten müßte, sich untereinander auf eine gemeinsame Stellungnahme darüber zu einigen, was als unumstritten gesichertes Wissen gelten darf und was nicht. Wo selbst nach intensivem Austausch der bekannten Fakten und Argumente keine Konsensbildung unter den Experten möglich ist, da sollte dies der Politik auch deutlich gesagt werden. Zu leicht führt nämlich irrtümlich angenommene Sicherheit über wissenschaftliche Fragen zu politischen Fehlentscheidungen.
Kommissar Byrne hält es für das Wichtigste, daß alle Gesetze und Vorschriften eingehalten werden (http://www.cenjur.de/cenjur/byrne_bseword.pdf). Dabei ist es viel wichtiger, die richtigen Gesetze und Vorschriften zu haben. Davon aber sind wir weit entfernt, solange unsere zum Schutz vor BSE erlassenen Gesetze und Vorschriften überwiegend unter dem Vorbehalt mangelhaften Wissens stehen. Selbst wenn Einzelne Fachleute um BSE-Risiken wissen, hilft uns das heute noch nicht weiter. Denn die Fachleute wissen nicht, an wen sie sich mit ihrem Wissen wenden sollen. Hotlines haben die Regierungen für besorgte Bürger und Bauern eingerichtet, aber nicht für besorgte Wissenschaftler. Ganz im Gegenteil stößt man immer noch mit Anregungen auf taube Ohren. Die zuständigen Behörden verweisen auf den zum Popanz der Allwissenheit aufgebauschten wissenschaftlichen Lenkungsausschuß, demonstrieren wie früher Gelassenheit und Desinteresse gegenüber jeder von den Stellungnahmen des WLA abweichenden Meinung und prüfen nicht einmal deren wissenschaftliche Seriosität. Vor allem hier muß sich etwas ändern. Wir brauchen mehr Bereitschaft zu offenen Diskussionen über mögliche Risiken und dazu müssen die Behörden endlich einsehen, daß zu nahezu jeder wissenschaftlichen Frage der größte Teil der nötigen Kompetenz außerhalb der Behörden und ihrer nachgeordneten Forschungseinrichtungen zu finden ist. Das gilt auch für die künftige europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, die eben nicht nur aktiv eigene Risikoforschung betreiben darf, sondern mindestens ebenso aktiv Anregungen von außen aufnehmen und die Bereitschaft dazu auch deutlich erkennen lassen muß.